Pressetext zur Ausstellung: DIE AUSSER GEWOEHNLICHEN / ausgewaehlte Grafik aus Leipzig im KUNSTVEREIN ROSENHEIM vom 28.09. bis 04.11.2001 in der Kunst-Muehle

Seit ueber 800 Jahren zaehlt Sachsen zu den bemerkenswerten Kulturlaendern Europas. Aber 40 Jahre kommunistische Diktatur haben die meisten seiner Leistungen vergessen und seine Wirtschaft verkommen lassen. Waehrend seit Mitte der sechziger Jahre sich das Leben in den westlichen Laendern immer rasanter entwickelte, begann zur selben Zeit die Stagnation der Entwicklung im Osten. Eine der Folgen davon war, dass im Westen der Faktor Zeit zunehmend kostbar und teuer wurde, waehrend er im Osten fortan einen der wenigen Rohstoffe bildete, ueber die man fast uneingeschraenkt verfuegen konnte. Im Westen fuehrte dies dazu, dass zeitaufwendige Techniken selten und kostspielig wurden. Im Osten verkamen zwar ebenso die zeitaufwendigen Handwerke, obwohl Zeit ausreichend vorhanden und vor allem bezahlbar war. Bis auf wenige Bereiche, in der sich die Individualitaet saechsischer Charaktere auch weiterhin entfalten konnte. Am beindruckendsten geschah dies in den Kuensten. Und vor allem in den grafischen Kuensten, in denen auch weiterhin eine enge Verbindung zwischen Handwerk und Kunst bestand, konnte man neben der Fortfuehrung alter Traditionen, einen Aufschwung zeitintensiver kuenstlerischer Techniken (Lasurmalerei) und sogar die Wiederbelebung bereits zu Ende gegangener erleben (Kupferstich, Schablithografie, Holzstich). Insbesondere in Leipzig, mit seiner langen Tradition im Buchgewerbe gelangten eine Vielzahl grafischer Techniken zu neuer Bluete. Einen kleinen Einblick dazu gibt die Ausstellung DIE AUSSER-GEWOEHNLICHEN, in der am Beispiel vier der fuehrenden Grafiker Leipzigs, die Besonderheiten gezeigt werden sollen, die sich aus der oben geschilderten historischen Situation ergeben haben. Lithografien von Werner Tuebke, Schablithografien von Rolf Muenzner, Aquatintaradierungen von Peter Sylvester und Kupferstiche von Baldwin Zettl. Jeder Name steht dabei fuer eine spezielle Leistung innerhalb der grafischen Kuenste: Tuebke, der virtuose Zeichner hat die Moeglichkeiten der klassischen Lithografie dahingehend ausgeschoepft, dass sie zuweilen die Brillanz seiner Zeichnungen uebertrifft.

Muenzner, der exzellente Fabulierer und Erzaehler und Meister der spitzen Nadel, der vor allem auch den handwerklichen Bereich der lithografischen Techniken bis in die tiefsten Geheimnisse beherrscht, hat nicht nur die Schablithografie zu einer neuen Bluete gefuehrt, sondern darueber hinaus - im Verbund mit dem Handwerklichen und der Kombination verschiedener lithografischer Techniken 96 Steindrucke hervorgezaubert, die zum Feinsten zaehlen, das in diesem Bereiche moeglich ist.

Sylvester, der Visionaer und Wanderer zwischen Zukunft und Tradition, gelernter Chemiegraf und kuenstlerisch Autodidakt, hat nicht nur die Aquatintaradierung zur Perfektion getrieben, sondern war auch sehr frueh bereits darum bemueht, die neuen bildnerisch verwendbaren Ausdrucksmittel des photographischen und rechnergestuetzten Zeitalters mit traditionellen Formen vor allem in der Grafik zu kombinieren: Grenzueberschreitend und vermittelnd zwischen alten und neuen Sehgewohnheiten.

Zettl, der tieflotende Zeichner und Stecher, hat den Kupferstich wiederbelebt und diese zur Betonung des Handwerks neigende Technik kuenstlerisch in Ebenen gefuehrt, die ihn an die Spitze setzen derer, die sich noch dieser zeitaufwendigsten aller grafischen Techniken widmen.